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Der Stand der Globalisierung im Zeitalter der Ungewissheit

Wie geht es weiter mit der Globalisierung? Diese Frage zu beantworten fällt aktuell schwer – zu groß sind die Unwägbarkeiten, zu einschneidend die Ereignisse dieses Jahres. Der dramatische Rückgang der Handels- und Kapitalströme während der Finanzkrise der Jahre 2008-09 hat gezeigt, dass die Globalisierung nicht unumkehrbar ist. Die Entscheidung der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union im vergangenen Juni wurde von vielen als deutliches Signal gewertet, dass die Globalisierung tatsächlich den Rückwärtsgang eingelegt hat. Die Schlagzeile „Der Brexit markiert das Ende der Globalisierung wie wir sie kennen“ bringt die allgemeine Reaktion auf den Punkt.

In einem solchen Umfeld brauchen Entscheider aus Wirtschaft und Politik mehr denn je einen aktuellen, faktenbasierten Überblick über Stand und Trends der Globalisierung, um die Weichen für die Zukunft entsprechen stellen zu können. Einen solchen faktenbasierten Überblick stellen mein Co-Autor Steven A. Altman und ich mit dem alle zwei Jahre veröffentlichten DHL Global Connectedness Index bereit. Am 15. November wurde die Ausgabe 2016 des Index vorgestellt, die den Zeitraum von 2005 bis 2015 abdeckt. Der DHL Global Connectedness Index bewertet Stand und Entwicklung der Globalisierung anhand der neuesten verfügbaren Daten auf globaler Ebene. Untersucht werden 140 Länder, die für 99% des globalen BIP und 95% der Weltbevölkerung stehen. Zusätzlich beleuchtet die neueste Studie erstmals auch den Grad der globalen Vernetzung von 113 bedeutenden Städten in aller Welt.

Die Globalisierung hat 2015 an Fahrt verloren

Der weltweite Globalisierungsgrad – gemessen an der Tiefe und Breite des Handels-, Kapital-, Informations- und Personenaustauschs – hat seinen Vorkrisen-Höchststand im Jahresverlauf 2014 wieder übertroffen. Die für 2015 verfügbare Datenbasis ist zwar begrenzt, signalisiert aber, dass die Globalisierung zwar an Fahrt verloren hat, es aber nicht zu einer „Entglobalisierung“ gekommen ist. Während der internationale Handel 2015 unter Druck stand, hat die Tiefe (Intensität) der Kapital-, Personen- und vor allem Informationsströme zugenommen. Die derzeit verfügbaren Daten – die zum Teil noch vorläufig sind – signalisieren, dass die Welt im Jahr 2015 um etwa 8% stärker vernetzt war als im Jahr 2005.

Über die Folgen des Brexit für die globale Vernetzung lässt sich noch nichts sagen. Meine zwei Gesetze der Globalisierung geben aber Anhaltspunkte. 1 Mein Gesetz der Semiglobalisierung, das die Bedeutung der nationalen Grenzen hervorhebt, erinnert uns daran, dass die internationalen Interaktionen des Vereinigten Königreichs nach globalen Maßstäben so gering sind, dass der Brexit selbst im Worst-Case-Szenario auf globaler Ebene kaum bemerkt würde. Meinem Gesetz der Entfernung zufolge würden die übrigen Länder der Europäischen Union die Folgen des Brexit – nach Großbritannien selbst – am stärksten zu spüren bekommen. Von weitaus größerer Bedeutung auf globaler Ebene sind die Reaktion der EU und ihre Fähigkeit, gemeinsam zu neuer Stärke zu finden.

Europa immer noch die am stärksten vernetzte Region

Gehen wir in unserer Analyse eine Ebene tiefer auf die regionale Ebene, zeigt sich, dass Europa als am stärksten vernetzte Region der Welt weiter auf Platz 1 steht, gefolgt von Nordamerika und dann Ostasien sowie der Pazifikregion. Europas Führungsposition spiegelt sowohl die strukturellen Merkmale des Kontinents wider (viele wohlhabende Länder auf kleinem Raum) als auch die jahrzehntelangen Integrationsbemühungen der Politik über die EU und ihre Vorgängerinstitutionen. Im Schnitt betreffen die internationalen Handels-, Kapital-, Informations- und Personenströme der europäischen Staaten zu mehr als 70% den Austausch mit anderen europäischen Ländern— das zeigt, wie viel auf dem Spiel stünde, wenn Europa das Integrationsprojekt aufgeben sollte.

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Im Ranking der Länder mit dem höchsten Vernetzungsgrad belegten 2015 folgende Länder die ersten zehn Plätze (in absteigender Reihenfolge): Niederlande, Singapur, Irland, Schweiz, Luxemburg, Belgien, Deutschland, Großbritannien, Dänemark und die Vereinigten Arabischen Emirate. Gemessen an der Tiefe der internationalen Vernetzung – dem Ausmaß der grenzüberschreitenden Interaktionen im Vergleich zur Größe der Binnenwirtschaft – teilten Singapur, Hongkong SAR (China), Luxemburg, Irland und Belgien die ersten fünf Plätze unter sich auf. Was die Breite der Vernetzung angeht – die geografische Ausdehnung der grenzüberschreitenden Interaktionen – hatten Großbritannien, die USA, die Niederlande, Südkorea und Japan die Nase vorn.

Die auf Länderebene beobachteten Unterschiede beim Grad der globalen Vernetzung lassen sich zu rund 70% durch strukturelle Merkmale wie die Größe, den Reifegrad der Wirtschaft und die geografische Entfernung erklären. Die Länder, die die Erwartungen im Hinblick auf die Tiefe ihrer globalen Vernetzung am deutlichsten übertroffen haben, waren Kambodscha, Vietnam, Malaysia, Singapur und Mosambik.

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Schwellenländer liegen immer noch zurück

Im Vergleich der Industrie- und Schwellenländer zeigt sich, dass die entwickelten Märkte deutlich stärker vernetzt sind als die aufstrebenden Märkte. Was die Handelstiefe angeht, liegen die Industrie- und Schwellenländer in etwa gleichauf. Gemessen an den anderen Dimensionen der Vernetzung ist der Vernetzungsgrad der Industrieländer aber um ein Vielfaches höher – um rund das Vierfache bei den internationalen Kapitalströmen, das Fünffache beim Personenverkehr und das Neunfache beim internationalen Informationsaustausch. Durch den wachsenden Anteil der aufstrebenden Volkswirtschaften an der globalen Wirtschaft reichen die internationalen Interaktionen über immer größere Distanzen (und konzentrieren sich weniger auf einzelne Regionen). Diese Verlagerung zu Interaktionen über immer größere Entfernungen hat sich seit den Krisenjahren jedoch verlangsamt.

Wenn der Trend bei den Schwellenmärkten mit zunehmendem Wachstum mehr in die Richtung der heutigen Industrienationen ginge, könnte dies der globalen Vernetzung einen starken Schub verleihen. Die jüngsten Trends geben zwar keine eindeutigen Hinweise auf eine solche Entwicklung. Aktuelle Prognosen, die auf eine stärkere Wachstumsdynamik in den aufstrebenden Volkswirtschaften hindeuten,2 sind in dieser Hinsicht aber ein positives Signal.

Singapur in neuen Globalisierungsindizes der Städte auf Platz 1

Mit dem GCI 2016 werden auch zwei neue Globalisierungsindizes für ein Ranking der globalen Städte eingeführt: der „Globalization Hotspots“ Index und der „Globalization Giants“ Index. Beide neuen Indizes basieren auf den gleichen vier Kategorien wie der DHL Global Connectedness Index. Da die Verfügbarkeit städtespezifischer Daten aber stärker eingeschränkt ist, werden hier andere (und weniger) Messgrößen eingesetzt.

Entsprechend der Tiefe-Dimension des DHL Global Connectedness Index vergleicht der Hotspots Index den internationalen Handels-, Kapital-, Informations- und Personenaustausch der Städte mit ihrer jeweiligen Wirtschaftsleistung und zeigt so, welche Städte die größte internationale Vernetzung aufweisen. Die „Hotspots der Globalisierung“ 2015 sind Singapur, Manama, Hongkong, Dubai und Amsterdam. Der Giants Index stuft die Städte nach ihrer absoluten Einbindung in die Weltwirtschaft ein und vergleicht dafür das Volumen ihrer grenzüberschreitenden Interaktionen. Die „Giganten der Globalisierung“ 2015 sind Singapur, Hongkong, London, New York und Paris.

Strategische Orientierungshilfe für Wirtschaft und Politik

Der größte Wert des DHL Global Connectedness Index liegt in seinem Nutzen für wirtschaftliche und politische Entscheider. Wie Harvard-Professor Dani Rodrik geschrieben hat: „Es gibt keinen besseren Index, der die globale Vernetzung der Staaten dieser Welt anhand des grenzüberschreitenden Austauschs von Waren und Dienstleistungen, Kapital, Personen und Informationen misst. Eine absolut unentbehrliche Referenzquelle für Diskussionen zum Stand der Globalisierung und der Frage, ob die Globalisierung weiter voranschreitet oder zurückgeht.“

Wie der Index zeigt, sind Tiefe und Breite der Globalisierung weitaus weniger stark ausgeprägt als die meisten annehmen. So könnte dieser faktenbasierte Überblick helfen, Fehlwahrnehmungen zu korrigieren und einen Teil der Ängste zu nehmen, die hinter der aktuellen Anti-Globalisierungswelle stehen. Gerade heute ist es unerlässlich, die Menschen besser zu informieren und Globalisierungsängsten mit harten Fakten zu begegnen. Meine Untersuchungen zum Thema — die ich in meinem 2011 veröffentlichten Buch World 3.0: Global Prosperity and How to Achieve It3 dargelegt habe – signalisieren, dass eine Vertiefung der globalen Vernetzung grundsätzlich positive Auswirkungen hat (vor allem in der globalen Nettobetrachtung).

Politische Entscheider, die diese Überzeugung teilen, können den Index für Vergleiche des Grads der Vernetzung verschiedener Länder untereinander und im Zeitablauf nutzen. So können sie besondere Stärken und Schwächen identifizieren und ein besseres Verständnis der ihnen zur Verfügung stehenden politischen und strukturellen Hebel entwickeln, um größeren Nutzen aus der globalen Vernetzung zu ziehen. So lobt auch Mark Rutte, Premierminister der Niederlande, den Index als „Referenzmarke, die uns hilft, den Überblick zu behalten, uns an neue Entwicklungen anzupassen und weiter eine aktive Vorreiterrolle einzunehmen – mit der Zukunft vernetzt.“

Unternehmensführern können diese Ländervergleiche ebenfalls als gute Orientierungshilfe bei der Identifizierung der Stärken und Schwächen dienen, mit denen sich Unternehmen und ihre Wettbewerber in ihrem Heimatmarkt sowie in den ausländischen Märkten, in denen sie aktiv sind, konfrontiert sehen. Gleichzeitig kann der Index den Unternehmen eine bessere Grundlage für ihre weltweiten Standortentscheidungen geben.

Mein Fazit? Die Globalisierung bleibt kompliziert und umstritten. Umso mehr gilt, dass wir für eine zukunftsweisende Debatte des Themas einen klareren, faktenbasierten Überblick über das tatsächliche Ausmaß und Muster der internationalen Interaktionen brauchen. Ich halte mich diesbezüglich an den Satz des ehemaligen Senators von New York, Daniel Patrick Moynihan: „Jeder Mensch hat ein Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten“.

DHL Global Connectedness Index (GCI) 2016
Die Globalsierung ist nicht tot
Download DHL Global Connectedness Index

1The laws and the evidence behind them are elaborated at length in Pankaj Ghemawat, The Laws of Globalization and Business Applications, Cambridge University Press, 2017.
2Siehe auch Update Oktober 2016 des World Economic Outlook des IWF.
3Pankaj Ghemawat, World 3.0: Global Prosperity and How to Achieve It, Harvard Business Review Press, 2011.

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